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Schwere Proteste in Nordspanien

Foto aus dem Archiv

Schwere Proteste in Nordspanien in der Provinzhauptstadt Burgos ziehen mehr als 40 weitere Proteste in spanischen Städten nach sich – aus Solidarität. Es geht um ein Bauvorhaben von 8 Millionen Euro – mehr nicht. Die Bürger der 250 Km nördlich von Madrid gelegen Stadt Burgos demonstrieren gegen das Bauvorhaben, was aus einer vierspurigen Straße mit kostenfreien Parkplätzen eine zweispurige machen soll, damit ein Boulevard entstehen kann. Die Parkflächen sollen durch Tiefgaragen zur Verfügung gestellt werden, die man auf 40 Jahre zu einem einmaligen Betrag von 20.000€ kaufen kann. Gewöhnlich kommen aus der Stadt Burgos keine Nachrichten, die den Rest Spaniens in Aufruhr versetzen.

Diesmal aber scheint das anders zu sein. Die Bewohner stehen in dem Ruf eher konservativ und ruhig zu sein. Die schönste Kathedrale steht hier und man sagt von hier kommt die beste Blutwurst. Das war es dann auch schon mit den Highlights. Nun aber ist genau hier der Protest ausgebrochen, der am vorletzten Freitag begann und seit Tagen auch andere Städte und Gemeinden aufsucht. Die Feuer können ein erstes Aufflackern einer kommenden Revolution im schläfrigen Spanien sein. Faktisch betrachtet geht es um keine große Sache. Acht Millionen sind im Vergleich zu den Summen, die uns in den letzten Jahren um die Ohren gehauen wurden vergleichsweise bescheiden. Dennoch entzündet sich hieran eine Protestbewegung, die auch zu Größerem taugen kann.

Die Stadtverwaltung will zwei Fahrspuren streichen

Die konservative Stadtverwaltung will zwei von den vier Fahrspuren umgestalten um einen Boulevard zu bauen, der verlangt, dass unzählige Freiparkplätze wegfallen.

Ein Anwohner sagt, „wir wollen dieses Bauvorhaben nicht haben, es ist unnötig“. Es regt die Menschen auf, weil dadurch nur wieder der normale Bürger zur Kasse gebeten wird. Erst waren es nur einige hundert Demonstranten, die sich auf die Straße wagten. Doch jeden Tag kamen mehr dazu und motivierten somit wieder weitere, sich der Proteste anzuschließen. Inzwischen sind es 46 gezählte Demonstrationen in verschiedenen Städten Spaniens. Die erkennen lassen, dass der Bürger allmählich an seine Grenzen der Geduld gelangt. Hunderte Bauwagen und Müllcontainer sind in Brand gesteckt worden, Telefonzellen und Schaufenster sind zertrümmert und wie nicht anders zu erwarten, wurden auch einige Bankfilialen angegriffen.

Die Menschen wissen sehr genau, wem sie die Situation der letzten Jahre zu verdanken haben. Auf beiden Seiten gab es Verletzte und die Polizei nahm über 50 Menschen in Gewahrsam. Gegen zwei wurde Haftbefehl erlassen. Die Stimmen der Bürger sollten aufhorchen lassen. So sagte eine 65 jährige Anwohnerin, sie sei gegen Vandalismus. Aber sonst würden die Politiker gar nicht auf uns hören. So denken sehr viele Bewohner in Burgos. In dieser Aussage steckt Sprengkraft und zeigt, dass die Politik uns eine Scheinwelt durch die täglichen Nachrichten vermitteln will, die so nicht existiert. Die Bürger haben es satt, von diesen Berieselungen der Medien getäuscht zu werden. Vor zwei Tagen verkündete der Bürgermeister von Burgos, Javier Lacalle, er wolle das Bauvorhaben fortführen. Heute nun kommt die Nachricht, es sei erst einmal gestoppt.

„Burgos sei eigentlich Pleite“

Die Kritiker des Projekts erklären, es sei ein Unding, dass die Sozialausgaben für Erziehung und Gesundheit gekürzt werden und gleichzeitig werden Steuergelder für derart unwichtige Projekte zum Fenster herausgeschleudert. Burgos schiebe eine Verschuldung von 500 Millionen Euro vor sich her. Die Spanier leiden immer noch unter der Krise, hoher Arbeitslosigkeit und mangelnder Perspektive. Vor allem die Jugendlichen leiden unter der Arbeitslosigkeit und der mangelnden Perspektive. Es geht eine ganze Generation verloren, die keine Chance auf einen soliden beruflichen Werdegang haben. Kein Wunder also, dass sich die Menschen langsam auf ihre Macht besinnen.

Protestaktion auf La Palma ein Erfolg

Erst im letzten Jahr ist eine Protestaktion auf La Palma mit dem Erfolg belohnt worden, dass ein Asphaltwerk nicht in Betrieb gehen darf, mehr noch, es muss sogar demontiert werden. Viele Jahre haben sich die Bewohner aus dem Aridane Tal dafür eingesetzt, dass das Asphaltwerk nicht mitten im Gewerbegebiet, im Zentrum des Aridane Tals, in Betrieb gehen darf und somit Tonnen an Schadstoffen direkt die angrenzenden Bewohner belastet. Speziell in diesem Fall ist aber anzumerken, dass die Initiative ganz stark von Deutschen initiiert wurde und die Spanier erst nach und nach dazu bewogen hat, sich auch an diesem wichtigen Protest zu beteiligen.

Die Protestkultur ist hier nicht sehr stark entwickelt. Umso mehr sollte der Erfolg das Bewusstsein schärfen, sich nicht bequem im Wohnzimmer zu verstecken. Vor dreißig Jahren, waren die Italiener und die Franzosen fast wöchentlich in den Streik getreten. Sie haben sich für die Dinge aktiv eingesetzt. Heute herrscht zum großen Teil eine virtuelle Protestkultur vor, die sich nur noch dergestalt äußert, dass wir Unmengen an Blogs vollschreiben, Wohnzimmer-Debatten lostreten und uns nur noch in Kommentaren im Internet zu Wort melden, mehr aber auch nicht! Um so deutlicher sollten die Signale verstanden werden, die uns die Proteste der letzten Woche senden.

Die übliche gleichgeschaltete Berichterstattung

Der Sicherheits-Staatssekretär der konservativem Partei in Madrid erklärt unisono, dass hinter den Protesten kleine radikale Gruppen stehen, die sich gegen das System auflehnen. Dass die Politik nicht reflexhaft von Terrorismus spricht ist in diesem Zusammenhang schon bemerkenswert. Auch hier glaubt kaum noch jemand diesen durchschaubaren Meldungen. Doch scheint weit mehr dahinter zu stecken als die Ablehnung eines Bauprojekts.

spanische Bevölkerung erlebt das sechste Krisenjahr in Folge, ist mürbe und hat die Worthülsen der Politiker so satt, die nicht in der Lage sind die Situation wirklich zu beherrschen. Weder hat sie die Arbeitslosigkeit im Griff, noch gibt es sichtbare Fortschritte bei der Korruption. Keine wirklich sichtbare Entwicklung ist aus all dem Herumgedokter zu erkennen. Und das haben die Spanier langsam satt. Die scheinbare Ruhe kann sich ganz schnell entladen und zu einer kleinen Revolution werden. Und wenn es an so vielen Stellen stinkt, dann hilft es nicht mehr aus der Realitätsverweigerung der Politik heraus, Lavendelduft im Klo zu versprühen, dann müssen Taten folgen.

Verlassen sie mal ihr Komfortzone, gehen sie auf die Straße…

Ihr Jean-Bas