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Paella für die Feilscher

Wenn in nächster Zeit in den Geschäften auf den Kanarischen Inseln vermehrt Menschen dabei zu beobachten seien werden, wie sie meist wohl vergeblich versuchen, den aufgerufenen Preis für das Objekt ihrer Begierde durch heftiges Feilschen zu drücken, so könnte es sich dabei um Kreuzfahrttouristen handeln, die mit einem Schiff der Reederei Royal Caribbean auf die Inseln gekommen sind. Auf den schwimmenden Hotelburgen des Unternehmens, das zu den größten der Branche gehört, werden nämlich entsprechende Ratschläge gegeben. Für ein Faltblatt zu den typischen Gepflogenheiten, Gerichten und Getränken auf den Kanarischen Inseln ist wohl von den Verfassern nicht wirklich gründlich recherchiert worden. Wie könnte sonst davon die Rede sein, dass die Paella ein typisches Gericht der Kanaren ist? Natürlich steht in den touristisch geprägten Restaurants auch mal eine Paella auf der Karte, wahrscheinlich direkt neben dem Wiener Schnitzel oder dem Hamburger, es aber deshalb als typisch kanarisches Gericht zu bezeichnen, ist dann doch ziemlich abwegig. An der Ostküste der spanischen Halbinsel, besonders in der Provinz Valencia zuhause, hat die Paella ungefähr genauso viel mit den Kanaren zu tun, wie Krabbenbrötchen mit Oberbayern.

Falsche Tipps und Informationen

Diese und weitere wichtige touristische Hinweise in eben jenem Infoblatt zu den Bräuchen auf den Inseln und speziell auf Teneriffa und in der Hauptstadt Santa Cruz, haben nach ihrer Entdeckung durch den Betreiber einer kanarischen Lifestyle-Seite im Internet heftige Diskussionen nicht nur in den sozialen Netzwerken, sondern auch in der lokalen Presse ausgelöst. Diese führten soweit, dass nun die Regierung von Teneriffa um ein Treffen mit den verantwortlichen Angestellten der Reederei gebeten hat, bei dem man den Reisefachleuten erklären möchte, was nun wirklich typisch kanarisch ist.

Dabei werden sie dann erfahren, dass Papas arrugadas mit Mojo, ein Gericht aus Gofio oder ein leckerer Käse als lokale Spezialitäten mindestens ebenso gut schmecken, wie Paella oder Sangria aus dem Touristenlokal, das ebenso gut an jedem anderen Ort der Welt stehen könnte. In der Tat hätte man von einem derart bedeutenden Unternehmen der Kreuzfahrtbranche etwas mehr Sorgfalt bei der Erstellung von Tipps zu den Kanarischen Inseln erwarten dürfen. Auch wenn die meisten der Kreuzfahrer vielleicht lieber eine bekannte Fleischschnitte mit Panade und Pommes essen als einen etwas gewöhnungsbedürftigen Gofiobrei, ist dies noch lange kein Grund, Wiener Schnitzel als typisch kanarisch zu bezeichnen.

Taxifahrer freuen sich über großzügiges Trinkgeld

Doch nicht alle im Tourismussektor beschäftigten Menschen in Santa Cruz dürften über die falschen Ratschläge des Kreuzfahrtreiseführers so unglücklich sein, wie die mit feilschenden Kunden kämpfenden Ladenbesitzer oder die Betreiber von traditionellen Lokalen. Denn laut den Ratschlägen aus dem Merkblatt gehört es auf den Kanaren auch zum guten Ton, großzügige Trinkgelder zu verteilen. Mindestens 10 % des Rechnungsbetrages sollten für den Taxifahrer oder den Service im Restaurant schon drin sein.

Ob die Verhandlungsführer bei ihrem Treffen mit der Reederei auch nachdrücklich darauf hinarbeiten werden, dass dieser Ratschlag aus dem schlecht gemachten Infoblatt entfernt wird, werden wir dann sehen, wenn hoffentlich bald eine überarbeitete Version des kleinen Reiseführers vorliegen wird. Sicherlich ist die Aufregung, die das Faltblatt ausgelöst hat, an manchen Stellen recht überzogen, trotzdem sollten sich aber die Herausgeber derartiger Reistipps doch etwas eingehender mit den einzelnen Regionen befassen, die sie ansteuern, sonst könnten sie in Zukunft in allen Häfen der Welt – noch öfter als heute schon – die gleichen Angebote vorfinden, weil die wirklich typischen Eigenheiten eines Landes, einer Region oder einer Stadt überhaupt nicht bekannt sind. Dies würde natürlich enorme Kosten sparen, da man für den gesamten Globus nur noch einen Reiseführer mit dem Titel „Tipps für den Besuch der Erde“ erstellen müsste.