Lebensqualität Großstadt

Öffentliche Verkehrsmittel statt eigenem Auto, Mietwohnung statt beschaulichem Landleben. Immer mehr Menschen wollen heute in der Großstadt leben und sind damit vielleicht auf dem Weg der Irrungen. Das Kulturangebot ist umfangreicher, die Arbeitsmöglichkeiten sind zum Teil hervorragend und die ärztliche Versorgung ist gesichert. Die Infrastruktur erlaubt es einem, auf ein Auto zu verzichten, so dass Kosten gespart werden können oder müssen und die ewige Suche nach einem Parkplatz entfällt.

Der Trend, hinein in die Großstadt auf der Suche nach mehr Lebensqualität, ist ungebrochen und die Mieten steigen ins Uferlose. In den von allen so geliebten Paradebeispielen München, Hamburg, Düsseldorf und Berlin sind die Mieten für einen normal verdienenden Angestellten oder Arbeiter nicht mehr aufzubringen. Fünfzig Prozent und weit mehr gehen heute für die Miete plus Nebenkosten weg. Wohnraum kostet beispielsweise in Hamburg 12,03€/qm, in Frankfurt 14,06€/qm und in München 15,78€/qm. Wohl bemerkt, ohne Nebenkosten! Der Gang zum Italiener kostet sie für zwei Personen gerne mal 80 € oder mehr und der Cocktail in der Hamburger „In Bar“ am Hafen dezimiert  ihr Barvermögen schnell um 20€. Da es bei einem Cocktail selten bleibt, rechnen sie also lieber mit 60€ . Das sind mittlerweile Dimensionen, die sich kaum noch normal arbeitende Menschen leisten können. Da hebt etwas ab.

Dabei könnte man die Sachlage auch einmal von einer anderen Seite aus betrachten, fern ab vom Mainstream, der besagt, dass der Umzug in die Städte wegen o. a. Beweggründe der einzig gangbare Weg ist. Warum wähle ich das große Angebot an ärztlicher Versorgung, wenn ich sie in ländlichen Gegenden aus folgenden Gründen vielleicht gar nicht nötig habe. Wir arbeiten heute mit einer viel höheren Taktfrequenz, als noch vor zehn bis fünfzehn Jahren. Der Konkurrenzkampf ist größer denn je, und Mobbing ist ähnlich wie Burn out eine Erscheinung der neueren Zeit. Wir haben eine steigende Erkrankungsrate am Burnout-Syndrom und die Vereinsamung ist auf erschreckend hohem Niveau.

Die Mietbelastungen fressen unseren ganzen Verdienstvorteil wieder auf, so dass wir anderswo vielleicht weniger verdienen können aber dadurch vielleicht ein ausgeglicheneres Leben hätten. Wir erkaufen uns die Vorzüge der Ballungszentren mit erhöhtem Stress, viel Hektik und Lärm und wenig bis kaum noch Natur. Und wollen oder können wir aus verschiedenen Gründen dann doch nicht auf das Auto verzichten, belasten wir unsere Nerven bei der Suche nach dem Parkplatz der uns dann für ein kurzes Stündchen nochmal 3-4 Euro kosten kann. Ich möchte begreifen, warum die Masse der Menschen so funktioniert.

Wir sind getrieben von dem Streben nach Erfolg. Wir suchen ihn in erhöhtem Einkommen, damit wir uns Dinge leisten können, die wir ohne diese Orientierungslosigkeit gar nicht nötig hätten. Der Nachbar kauft ein neues Auto und nicht Wenige fühlen sich genötigt, es ihm gleich zu tun. Das Auto als Erfolgsnote. Das der ganze Konsum heute zum großen Teil finanziert ist, interessiert den Betrachter nicht. Gefragt ist uniformes Verhalten, handeln in vorgegebenen Kanälen. Immer neue Reize müssen her, damit das Rad am laufen bleibt. Und dabei verheizt das System seine Diner. Die Meinung des Individuums hat kaum noch Gewicht. Es ist genetisch festgeschrieben, dass wir uns in der Masse sicherer und somit scheinbar wohler fühlen. Der Irrtum aber ist sichtbar.

Um in München beispielsweise eine schöne Wohnung zu bekommen, müssen sie sich erst einmal durch ein Horde an Mitbewerbern kämpfen. Dazu müssen sie Bewerbungsunterlagen vorhalten, die auch einer Bewerbung für das höhere Management standhalten würden. Sollten sie den Zuschlag bekommen, sind schon mal zwei bis drei Monatsmieten an Makler-Courtage fällig. Die Wohnung nun gesichert, müssen sie beim Amt einen Parkausweis kaufen.

Der sichert ihnen zwar nicht den Anspruch auf diese Parkfläche, schützt sie aber vor den Bußgeldern, die die Stadt dringend benötigt um weiteren Parkraum zu vernichten. Das sie im Zweifel der Straßenlärm nicht stört, sie Haustiere doof finden und  auf gar keinen Fall ein Musikinstrument spielen, nicht selten Bestandteile eines Mietvertrages, ist eine weitere Anpassung an den Trend. Die Individualität bleibt auf der Strecke und damit auch zu einem großen Teil das Wohlbefinden. Wir verkaufen unsere Seele um im Ballett der Lemminge mitzutanzen. Nun mag die Sichtweise aus meiner Lust an individuellem Leben etwas kritisch klingen. Aber wenn ich mir dagegen beispielsweise das Leben auf den Kanarischen Inseln ansehe, kann ich nicht glauben, warum so viele gegen ihre eigenen Wünsche leben und sich dem Zwang der Masse beugen.

Palmerische Lebensart

Nicht selten bemerken selbst Palmeros, die einmal für einige Zeit auf einer anderen Kanareninsel oder gar auf dem Festland waren, dass sich ihre Heimat La Palma noch immer diesen bemerkenswerten, gemütlichen Lebensstil erhalten hat. Ringsherum strebt alles danach, mit den Entwicklungen auf dem Festland Schritt zu halten. Teneriffa und Gran Canaria sind nicht annähernd mehr mit der Insel La Palma vergleichbar. Es gibt Autobahnen und die dazu gehörenden Staus. Riesige Einkaufspassagen, Rushhour und Videoüberwachung der Straßen.

Gerade La Palma ist „noch“ ein echter Ruhepunkt und Kraftspender für ausgebrannte Großstädter. Da stoppt man hier und da noch mal mitten auf der Straße seinen Wagen um einen kurzen Plausch mit einem Bekannten zu halten. Wer hupt, muss Tourist sein, denn ein Palmero oder Wunschpalmero kennt das und wartet geduldig, bis es weitergeht. Leider strebt auch die palmerische Regierung danach, mit den großen Inseln mitzuhalten und plant Autobahnen, Golfplätze und Luxushotels, statt sein weltweit immer seltener werdendes Potential zu nutzen. La Palma ist „noch“ eine Insel der Ruhe und Friedlichkeit. Und der oben im Text erwähnte Gang zum Italiener kostet sie hier gerade die Hälfte dessen. Den Cocktail trinke ich hier unter Palmen und bezahle keine 6€ dafür. Prost!

Es kommen Menschen nach La Palma, die zunächst völlig überfordert mit der langsameren Taktzahl sind und einige Zeit brauchen, um sich auf den wesentlich gesünderen Rhythmus einzulassen. Dabei hat man doch gerade im Urlaub alle Zeit der Welt.

Wie es auch anders gehen kann

Es zeigt sich durchaus ein zaghafter Trend in genau die andere Richtung ab. Da fallen einem Inserate von Menschen ins Auge, die sich ein friedliches und ruhigeres Leben auf dem Lande mit Gleichgesinnten vorstellen können und realisieren wollen. Jeder soll sein eigenes Häuschen haben, von denen  auf dem Gelände fünf, sechs oder mehr vorhanden sind. Ob in der Toskana, in Andalusien oder auf den Kanaren, die Menschen wollen die Geselligkeit, wollen die Gemeinschaft und dennoch ihre Individualität behalten. Sie haben erkannt, dass der Kampf in den Städten die Seele verunreinigt, dass er immer schwerer und dunkler und unbezahlbar wird.

Wir entfernen uns zusehends von der Menschlichkeit und begreifen intuitiv, dass das nicht der Heilige Gral sein kann. Ich möchte dazu anregen, einmal den Blick aus dem Diktat der Masse zu richten und sich auf das zu besinnen, was eine perfekte medizinische Versorgung überflüssig macht, weil wir uns zum Teil aus dem eigenen Garten ernähren können, Stressfaktoren nicht vorhanden sind und unsere Gesundheit aufgrund seelischer Zufriedenheit gar nicht erst in Frage gestellt ist. Weil soziale Kontakte uns bereichern ohne ständig im Grabenkampf der Eitelkeiten und zur Schau gestellter vierrädriger Kontoauszüge den Blick zu vernebeln.

Man kann sehr wohl eine Korrelation herstellen zwischen Herzinfarkt, Burnout-Syndrom, und psychischen Schwierigkeiten in Bezug auf die Lebensumstände. Sollten sie auf Noticias7 das Leben auf den Kanarischen Inseln, speziell auf La Palma verfolgen, so denken sie einmal darüber nach, ob es nicht eine Alternative zum Leben in der Schickeria gibt, die durchaus zum Teil schöne Zombies hervorbringt. Aber es sind eben Zombies.

Bleiben sie wachsam…

Ihr Jean-Bas

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