Kurvige Träume unter südlicher Sonne

Zugegeben, es ist etwas mühsam, sein eigenes  Motorrad auf die Insel zu bekommen, aber nicht unmöglich und Motorradfahrer nehmen dafür schon einiges in Kauf. Sofern man die nasskalten deutschen Gefilde im Winter verlassen und in die Sonne will, hat man dazu ausreichend Zeit, sein Motorrad per Frachtcontainer zum Urlaubsziel zu bringen, denn die Winter sind lang. Genaueres kann man bei den ansässigen Speditionen (z.B. La Palma Logistik) in Erfahrung bringen. Wem das alles zu aufwendig ist, dem bleibt nur die spärliche Auswahl an Leihfahrzeugen hier auf der Insel.

Unsere Tour führt uns von der Hauptstadt in den zerklüfteten Nordosten, wo die Insel so sattgrün ist, wie nirgendwo sonst. Wir wollen uns einfach treiben lassen und dabei die Gegend erkunden. Lediglich ein paar Eckpunkte als Zwischenziel haben wir fix gemacht.

Treffpunkt: Die Marina von Santa Cruz

fajanaUm 9 Uhr morgens haben wir uns in der noch relativ neuen Marina von Santa Cruz verabredet. Eine angenehme Zeit, denn die Insel ist gerade dabei zu erwachen. Die Sonne ist auf dieser Inselseite längst aus dem Meer aufgetaucht und kündigt einen perfekten Tag an, wenngleich es hier auf der Ostseite ein paar Grad kühler ist, als im westlichen Teil. In der Stadt selbst ist noch nicht viel los und so genießen wir im einzig geöffneten Geschäft, einem kleinen Supermarkt mit angeschlossenem Café, unseren ersten Café con leche mit süßer Beilage und Blick über ein paar Segelyachten und Motorboote. Die Marina auf dieser Seite beheimatet nicht sonderlich viele Yachten, da die Boote hier wohl recht unruhig im Wasser liegen.

Eine halbe Stunde später sitzen wir bereits auf unseren Bikes und passieren die Avenida Marítima von Santa Cruz. Es ist kurz vor zehn und das bunte Treiben scheint zu beginnen. Linker Hand haben wir die typischen altkanarischen Häuser mit den schönen Holzbalkonen, zur rechten Hand blicken wir über die Großbaustelle des künftigen Stadtstrandes, der langsam Gestalt annimmt. Im kommenden Jahr soll er fertig sein und wird ganz sicher eine echte Bereicherung für die Stadt. Ein paar Ampeln später verlassen wir die Stadt und durchfahren noch ein kleines, vorgelagertes Industriegebiet, bevor es dann endlich hinaus geht, in die Natur.

Die schönen Flecken von Puntallana

Casa Lujan in Puntallana

Casa Lujan in Puntallana

Nach den ersten kurvigen Kilometern, zwei  kleinen Tunneldurchquerungen und üppig bewaldeten Barrancos erreichen wir den Ort Puntallana. Die breite Hauptstrasse führt am Ortskern vorbei und der erste Blick über Puntallana wirkt  erst einmal ziemlich hässlich. Ein riesiges Gebäude im Zentrum, welches offenbar die Schule beheimatet, verschandelt den Blick. Vorgelagert offenbar der dazugehörige Sportplatz mit hohen Zäunen und ein paar weitere Häuser unterschiedlichster Bauepochen.

Wir setzen den Blinker und wollen sehen, was der Ort ansonsten noch zu bieten hat. Die Straße verläuft im Bogen um die Plaza herum. An der Kirche biegt eine kleine Strasse ab, die steil abwärts einen grandiosen Blick über den urtümlichen Teil von Puntallana freigibt.  Vergessen ist der Architekturschock bei der Anfahrt Puntallanas. Einzig störend dabei sind nur die fetten UMTS-Masten auf der kleinen Anhöhe vor uns, welche keine gedanklichen Ausschweife in die damalige Zeit zulassen, auch wenn die Gebäude ringsum dazu einladen.

Wir lassen dennoch die Stimmung  aus früherem Leben und friedlichem Miteinander auf uns wirken und fahren die kleine Gasse hinab zur deutsch-spanischen  Bibliothek, die in einem stilvollem Häuschen  eingerichtet ist. In der darauf folgenden Kurve stellen wir unsere Bikes ab und folgen dem Wegweiser zum Casa Lujan. Nach ein paar Metern über einen uralten Pflasterweg stehen wir vor dem restaurierten Herrenhaus, welches schon bei der Abfahrt in den Barranco den Blick auf sich zog.

Das Casa Lujan ist ein kleines Museum, niedlich drapiert mit allerlei antiken Möbelstücken und lebensgroßen Puppen. Ein kleiner Blick in ein anderes Jahrhundert. Der Rundgang durch das Haus dauert nur ein paar Minuten. Angrenzend befindet sich auch noch ein Point of Sale für Insel-typische Waren. Der Stauraum meines T-Max ist ausreichend groß, um selbst meine Begleiter zur Mitnahme einiger leckerer Produkte zu bewegen.

Durch Bananen, Zuckerrohr und Palmen

Weiter geht es in Richtung Norden. Die Straße ist noch relativ gut in Schuss, auch wenn die fehlenden Gelder für den Erhalt der hauptsächlichen Fahrbahnen schon ihre Spuren hinterlassen. Das Fahren hier, bei sommerlichen Temperaturen, macht einfach Laune. Keine dicken Handschuhe, kein Integralhelm.  Man riecht die unterschiedlichen Düfte nimmt die Umwelt direkter wahr und ist fast eins mit der Natur.

Wir durchqueren einige Tunnel und sind von den gewaltigen Schluchten begeistert, die sich am jeweiligen Ausgang der Tunnel offenbaren.

Nach weiteren langgezogenen Kurvenabschnitten kommen wir zum Abzweig nach San Andrés, dem unteren Teil der Doppelgemeinde San Andrés y Sauces. Durch üppige Bananenplantagen schlängelt sich die schmale Straße abwärts zum Meer und schon kurze Zeit später erreichen wir den kleinen Ort. San Andrés ist eine Reise wert. Ein tropisches Bacardi-Feeling stellt sich beim Anblick der riesigen Palmen auf der Plaza der Iglesia de San Andrés ein.

Wir hoppeln mit unseren Gefährten die kleine Kopfsteinpalasterstrasse hinab, vorbei an der Kirche. Am Ende parken wir und wollen sehen, ob es hier einen Strand gibt, doch der liegt noch etwas nördlicher, wie wir später sehen werden. Wir kehren um und erblicken die riesige Brücke über dem Barranco del Agua in luftiger Höhe. Sie soll mit ihren 357 Metern Länge den größten schwebenden Brückenbogen Europas haben. Ideal, um sich mit dem Gummiseil in die Tiefe zu stürzen, denke ich, doch auf die Idee ist wohl leider außer mir noch niemand gekommen.

Der Lockruf des Baraquito

La Palma: Paradies für Motorradfahrer

La Palma: Paradies für Motorradfahrer

Weiter geht die Reise. Wir hoppeln abermals an der Kirche vorbei, wieder hinauf zur Asphaltstrasse, biegen rechts ab und folgen den Schildern zum kleinen Hafen Espindola und dem Strand der Gemeinde. Hier also stürzt man sich als Anwohner in die Fluten. Nett! Für Atlantikscheue gibt es in der Nähe auch eine Anlage mit Naturschwimmbecken.

Wir kehren um, da es hier offenbar nicht mehr weiter geht. Links blicken wir noch kurz in eine der ansässigen Rum-Destillerien und schrauben uns nun ein enges und steiles Stück Straße durch dei Bananen den Berg hinauf. Sie bringt uns direkt zur Plaza von Los Sauces, dem zweiten und höher gelegenen Teil der Gemeinde. Am Kiosk der Plaza lassen wir uns nieder und bestellen uns einen leckeren Barquito, der wohlgemerkt mit dem typischen Schuss Likör erst zum wahren Geschmackserlebnis wird. Wir verzichten jedoch auf den Schuss Alkohol, da wir ja die Sinne beisammen halten wollen.

An der gegenüberliegenden Seite der Plaza befindet sich die prächtige und fast 500 Jahre alte Iglesia de Nuestra Señora de Montserrat, welche zu den größten Kirchen der Insel zählt. Sie beherbergt einige bedeutende Kunstschätze.

Die Lagune von Barlovento

Nachdem wir auch unser leckeres Bocadillo und noch ein typisches Törtchen aus der gegenüberliegenden Pastelería verzehrt haben und es schon fast 14 Uhr ist, setzen wir unseren Ausflug fort. Die Sonne meint es ausgesprochen gut heute und der Fahrtwind ist herrlich erfrischend. Man glaubt gar nicht, wie viele Bananenplantagen sich hier noch befinden, denn eigentlich gilt das Klima hier oben im Norden und auf dieser Seite der Insel als eher rau und kühl. Wobei diese Begriffe hier auf La Palma anders zu verstehen sind. Doch die Gegend um San Andres und  Los Sauces, sogar fast bis Barlovento ist voller Bananen.

Die Hauptstrasse führt weiterhin kurvig in nun merklich höhere Lagen, was zum einen durch die Vegetation, zum anderen auch durch die wechselnden Temperaturen erkennbar ist. Noch einmal zieht sich die Kurve lang hin, bis wir den Ort Barlovento erreichen. Hier ist jetzt, am frühen Nachmittag natürlich so gar nichts los, denn die Geschäfte schließen spätestens um 14 Uhr und öffnen erst gegen 17 Uhr wieder. Lediglich die eine oder andere Bar ließe  sich jetzt noch aufsuchen, doch so viel Kaffee braucht kein Mensch. Der Nordost-Passat ist hier deutlich zu spüren und manche Windböe  vermasselt uns die saubere Linie.

So durchqueren wir nur im gemütlichen Tempo den Ort und fahren noch bis zum Freizeitpark an der Lagune de Barlovento. Hier befindet sich ein riesiges, angelegtes  Speicherbecken, was in einen ehemaligen Vulkan Krater eingebettet wurde.  Leider  ist es aktuell wieder einmal leer  und  muss repariert werden . Das Becken ist ein echtes Dauerthema, denn zuletzt hatte man es schon nur noch zu einem Drittel gefüllt, um eine erneute Beschädigung zu vermeiden. Doch es will wohl irgendwie nicht so recht dicht sein.

Der Freizeitpark der Lagune liegt mitten im Grünen. Die Vegetation erinnert hier schon fast an die Heimat. Hier gibt es einen Zeltplatz und Grillmöglichkeiten und immer mal finden hier Konzerte oder Sportveranstaltungen statt.

Die Naturschwimmbecken von La Fajana

Naturschwimmbecken La Fajana

Naturschwimmbecken La Fajana

Von der Lagune geht nun bereits wieder zurück. Kurz nach dem Ortsausgang von Barlovento in Richtung Santa Cruz zweigt links eine kleinere Straße zu den Naturschwimmbecken von La Fajana ab. Leider haben wir an Badesachen nicht gedacht. Trotzdem wollen wir uns die Sache wenigstens einmal ansehen. Nur ein paar Meter und schon sind wir unten am Meer angekommen. Die Anlage der Schwimmbecken ist ganz nett, aber auch hier frisst sich der Zahn der Zeit so langsam durch die Becken und die fehlenden Gelder für deren Erhalt sind deutlich sichtbar. Leider wird der abgeschiedene Norden nicht wirklich häufig von Touristen besucht, so dass derartige Objekte in absehbarer Zeit wohl gänzlich von der Natur zurück erobert werden.

Nun noch ein letzter kleiner Abstecher zum nahegelegenen Faro und damit endet  unsere Erkundungstour für den heutigen Tag. Wir kehren zur Hauptstraße zurück und fahren auf direktem Wege nach Santa Cruz, wo sich in diese Richtung nun nochmals ein toller Blick auf die Hauptstadt  Santa Cruz ergibt und sich schließlich unsere Wege für heute trennen. Die  beeindruckend Natur, die Stille und das urtypische Flair lassen uns schon jetzt an einen weiteren Urlaub mit dem Motorrad auf La Palma denken. Wetter gibt es ja genug………

Fahren sie vorsichtig…….

Ihr Jean-Bas