Die Koffer sind gepackt

Sie waren gekommen, um Arbeit zu finden. Gleich welcher Art und auch bei miesester Bezahlung. Alles war besser als die Aussichtslosigkeit in ihren Heimatländern jenseits des Atlantiks. Hier fielen sie im Alltag nicht sofort auf. Als Nachkommen derer, die einst von hier aufbrachen, um umgekehrt ein besseres Leben in der neuen Welt zu finden. Dadurch hatten sie keine Sprachprobleme und auch keine schwarze Haut, die sie gleich als Menschen mit Migrationshintergrund geoutet hätten.

Wegen dieser Voraussetzungen waren viele von ihnen lange geduldet und in Zeiten der wirtschaftlichen Blüte als billige Arbeitskräfte höchst willkommen in der spanischen und besonders auch in der kanarischen Gesellschaft. Einwanderer aus Südamerika waren unauffällig und verrichteten Arbeiten, die den Einheimischen nur wenig attraktiv erschienen. Aus diesem Grund lebten sie, oft illegal, in einem Land, das ihnen die Möglichkeit gab, ihre Familien in Bolivien, in Paraguay oder Kolumbien zu unterstützen.

Das Heimweh und die Unsicherheit, die ihr Status mit sich brachte, verdrängten sie so gut es ging. Das Überleben in der ungewohnten Umgebung, die selten zur neuen Heimat wurde, ließ für derartige Befindlichkeiten wenig Raum. So ging es lange Jahre. Doch dann kam die Krise, und alles wurde anders. Die Arbeit wurde weniger, ihre Jobs fielen weg, und so wurden sie zum Problem. Sie konnten nicht länger von Politik und Gesellschaft ignoriert werden. Jetzt waren sie präsent, und es musste etwas geschehen.

Auch wenn der Aufenthaltsstatus einiger weniger durch eine Amnestie legalisiert worden war, änderte dies jedoch nichts. Ohne Arbeit waren sie wieder genau an dem Punkt angekommen, der sie veranlasst hatte, ihre Heimatländer zu verlassen. Wegen der Verschärfung der Krise wurden die staatlichen Kontrollen schärfer und das Ausmaß der Schattenwirtschaft, in der viele Südamerikaner ein Auskommen gefunden hatten, immer deutlicher. Und jetzt waren es die Einheimischen selbst, die nach dem Verlust ihrer legalen Arbeitsstelle ihr Glück in der Schwarzarbeit suchten.

Arbeitslosigkeit droht und der Traum eines besseren Lebens scheint geplatzt

Jetzt ist ihr Traum endgültig ausgeträumt, und wer die finanziellen Möglichkeiten hat, kehrt zurück zur Familie nach Südamerika. Sogar in der Verwandtschaft wird das Geld für die Flugtickets zusammengekratzt. Sie waren nicht, wie viele europäische Einwanderer, aus Abenteuerlust auf die Kanaren gekommen, sondern aus der wirtschaftlichen Not heraus. Umso stärker ist das Gefühl, versagt zu haben und mit leeren Händen zurückzukehren. Fast 36 % der ausländischen Residenten auf den kanarischen Inseln sind ohne Arbeit, und dies sind nur die offiziellen Zahlen, die Dunkelziffer liegt weitaus höher.

Seit Ausbruch der Krise im Jahr 2008 haben bereits mehr als 20.000 Latinos erneut ihre Koffer gepackt und ihr Leben auf den Kanaren hinter sich gelassen. Deshalb kehren sie zurück in Länder, in denen es nur selten eine soziale Absicherung von staatlicher Seite gibt. Hier zählt der Zusammenhalt der Familie. So schwer der Schritt für die Rückkehrer auch sein mag, die Sicherheit und Geborgenheit, die sie im Schoß der Großfamilie finden, wird sie über die gefühlte Schmach des Scheiterns hinwegtrösten.

Und in einigen Ländern der Region haben sich die ökonomischen Parameter in den letzten Jahren recht positiv entwickelt. Deshalb sind nicht nur die ehemaligen Armutsemigranten auf dem Weg zurück in die Neue Welt, die die alte Heimat ist, sondern auch immer mehr junge Spanier, die nun in ihrem Land keine Perspektive mehr sehen, wagen nicht nur den Schritt in andere EU-Länder, sondern auch den Sprung über den Atlantik, um ihren Traum vom besseren Leben zu verwirklichen. Zurück bleiben Spanien und gerade auch die Kanarischen Inseln. Sie verlieren so die mutigsten und tatkräftigsten Menschen, die man für den Weg aus der Krise eigentlich dringend braucht.