Canarios entdecken ihre Heimat

Es sind die Folgen der Krise. Arbeitslosigkeit und die fehlenden finanziellen Mittel, die eine ganz spezielle Gruppe von Gästen in die Hotels der Kanarischen Inseln bringt. Die Bewohner des Archipels selbst werden zu Stammgästen.

Was jeder, der mit nur halbwegs offenen Augen durch seine Umwelt tapert, auch schon gemerkt hat, wurde jetzt durch eine offizielle Statistik bestätigt. Das Geld ist knapp geworden in Spanien. Und wenn die pekuniären Ressourcen beschränkt sind, ist es nur folgerichtig, dass sich die Menschen entscheiden, die wenigen verbliebenen Euros lieber in eine warme Mahlzeit als in eine teure Reise zu investieren. Fest steht, dass sich die Zahl der Canarios, die sich eine Reise aufs Festland oder gar in ausländische Gefilde leisten, seit Ausbruch der Krise halbiert hat. Doch nicht immer bringen Statistiken nur Wahrheiten an den Tag, die eh schon jeder ahnt. Sondern sie liefern auch Erkenntnisse, die man so vielleicht nicht erwartet hätte.

Naherholung mit Hotelaufenthalt

Die Menschen auf den Kanaren schweifen nicht mehr in die Ferne. Aber auf den gewohnten Erholungsurlaub im Hotel oder die Familiensause in der Apartmentanlage möchten sie dennoch nicht verzichten. Die Canarios entdecken in der Krise nicht nur ihre Heimat neu. Sondern sie finden auch ihre Hotels. Auf Grund der beschränkten Größe der Inseln wäre es kein Problem, die Umgebung von zu Hause aus in Tagesausflügen zu erkunden. Aber dies scheint für die Heimattouristen nur wenig attraktiv zu sein. Wie sonst ließe sich erklären, dass sich die Buchungen der Lokalpatrioten in den kanarischen Hotels seit Ausbruch der Krise verdreifacht haben. Diese Entwicklung aus den vergangenen Jahren wird sich in diesem Sommer scheinbar noch einmal verstärken. 2009 verließen noch 366.000 Kanarenbürger die Inseln, um ihren Urlaub auf dem Festland zu verbringen. Vergangenen Sommer waren es nur noch 130.000 Insulaner, die sich diesen Luxus leisten konnten.

Bedauern bei den Fluggesellschaften und den Hotelierskollegen auf der Peninsula. Freude bei den lokalen Betreibern von Beherbergungsbetrieben. Fast 300.000 der etwa 2 Millionen Canarios haben ihren Urlaub im letzten Jahr in den Hotels und Apartmentanlagen der heimischen Gefilde verbracht. Eine Steigerung von mehr als 50% im Vergleich zum Jahr 2009. Damals waren die Nachrichten noch nicht täglich von neuen Hiobsbotschaften aus Wirtschaft und Politik dominiert. Trotz dieser erfreulichen Entwicklung sind die Hoteliers in den Touristengebieten aber noch lange nicht in extremer Feierlaune. Auch wenn die Einheimischen mit ihrer Urlaubsgestaltung dazu beitragen, dass das Hotelgewerbe der Region nicht vollends in eine depressive Trauerstimmung verfällt. Trotzdem können sie doch nur einen, wenn auch beträchtlichen Teil der weggebrochenen Buchungen von Festlandspaniern ausgleichen.

Trend zum Nachbarschaftsurlaub landesweit zu beobachten

Denn der Trend zum Urlaub in der Nachbarschaft beschränkt sich nicht nur auf die Kanarischen Inseln. Sondern er ist im ganzen Land zu beobachten. So bringt die Krise die Menschen in ganz Spanien dazu, ihre Heimatregionen besser kennenzulernen. Die Schönheiten ihrer direkten Umgebung mit größerer Wertschätzung zu betrachten. Neben diesem positiv edukativen Aspekt der Feriengestaltung in den Zeiten des unvermeidlichen Fernreiseverzichts, profitiert auch die Umwelt von der Zurückhaltung bei der Benutzung von kerosinschluckenden Großfluggeräten. Die weltweite CO²-Bilanz wird durch die erzwungene Flugreiseabstinenz der kanarischen Bevölkerung wohl kaum eine messbare Verbesserung erfahren. Nichtsdestotrotz könnte man hier, statt mit Goethe, mit einer chinesischen Weisheit argumentieren. Jede lange Reise beginnt mit dem ersten Schritt.